Marcello Truzzi (1935-2003)Marcello Truzzi
(1935-2003)

Dieser Text wurde 1999 von Marcello Truzzi für eine Neuauflage der "Encyclopedia of Pseudoscience" geschrieben.
Wir danken Marcello Truzzi für die Erlaubnis der Übersetzung ins Deutsche.

Was ist Anomalistik?

Der Begriff "Anomalistik" wurde von dem Anthropologen Roger W. Wescott (1973, 1980) eingeführt und bezieht sich auf die zunehmend interdisziplinäre Untersuchung von wissenschaftlichen Anomalien (angebliche außergewöhnliche Ereignisse, die durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen).

Dieser Ansatz wird heute in erster Näherung durch einige voneinander unabhängige Organisationen und Zeitschriften repräsentiert. Am bekanntesten sind insbesondere die durch den Astrophysiker Peter Sturrock gegründete "Society for Scientific Exploration" (SSE) mit ihrer Zeitschrift Journal of Scientific Exploration, das mehrbändige "Sourcebook Projekt" von William Corliss, das "Center for Scientific Anomalies Research" des Soziologen Marcello Truzzi in Verbindung mit der Zeitschrift Zetetic Scholar, die Fortean Studies unter dem Herausgeber Steve Moore, sowie die von Patrick Huyghe und Dennis Stacy redigierte Zeitschrift The Anomalist. Personen, die einen solchen Ansatz verfolgen, werden "Anomalisten" genannt.

Merkmale der Anomalistik

Anomalistik zeichnet sich durch zwei charakteristische Merkmale aus. Erstens handelt es sich um ein rein wissenschaftliches Unterfangen. Behandelt werden nur außergewöhnliche Behauptungen empirischer Natur. Es geht hingegen nicht um angeblich Metaphysisches, Theologisches oder übernatürliche Phänomene. Deshalb fordert Anomalistik die Prüfbarkeit von Behauptungen (was sowohl Verifizierbarkeit als auch Falsifizierbarkeit beinhaltet), bedient sich bei Erklärungen möglichst sparsamer Annahmen, bürdet die Beleglast dem Behaupter auf und erwartet für eine Behauptung Belege, die dem Grad der Außergewöhnlichkeit der Behauptung entsprechen. Obwohl anerkannt wird, dass unerklärte Phänomene existieren, wird nicht von einer prinzipiellen Unerklärbarkeit ausgegangen, sondern vielmehr versucht, entweder konventionelle Erklärungen zu finden oder neue Erklärungsmuster zu entwickeln, die wissenschaftlich angemessen sind.

Als ein wissenschaftliches Unternehmen ist Anomalistik der Norm des Skeptizismus verpflichtet und fordert Untersuchungen, bevor Urteile abgegeben werden. Skeptizismus bedeutet, Behauptungen mit Zweifeln zu begegnen, nicht aber, Behauptungen abzulehnen (was seinerseits eine – nur negative – Behauptung implizieren würde, für die die Wissenschaft ebenfalls Belege fordern muss). Behauptungen ohne ausreichende Belege sind für gewöhnlich unbelegt, was nicht mit einer Widerlegung verwechselt werden darf. Die Nicht-Existenz von Belegen ("absense of evidence") ist kein Beleg für die Nicht-Existenz eines Phänomens ("evidence of absense").

Weil die Wissenschaft ein offenes System bleiben soll, fähig zu Modifikationen angesichts neuer Ergebnisse, bemüht sich Anomalistik darum, sogar für die radikalsten Behauptungen, sofern sie sich einem wissenschaftlichen Diskurs stellen, die Tür zumindest immer halboffen zu halten. Der Ansatz der Anomalistik erkennt die Notwendigkeit an, sowohl einen Fehler 1. Ordnung zu vermeiden (ein solcher bestünde darin, zu glauben, etwas passiert, obwohl es tatsächlich nicht passiert), als auch keinem Fehler 2. Ordnung aufzusitzen (d.h. zu glauben, dass nichts besonderes passiert, obwohl tatsächlich ein – vielleicht seltenes – besonderes Geschehen stattfindet) (Truzzi 1979a, 1981). Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen. Anomalien werden also nicht als lästige Ärgernisse eingeschätzt, sondern als willkommene Entdeckungen, die zu einer Erweiterung unseres wissenschaftlichen Verständnisses führen können (Truzzi 1979b).

Das zweite charakteristische Merkmal der Anomalistik ist ihre Interdisziplinarität, und zwar in zweifacher Weise: Einerseits wird nicht davon ausgegangen, dass eine berichtete Anomalie ihre letztgültige Erklärung unbedingt im Rahmen einer ganz bestimmten wissenschaftlichen Disziplin finden muss. Wenn alle konventionellen wissenschaftlichen Erklärungen erst einmal ausgeschlossen sind, mag die schließliche Erklärung für eine Anomalie sich als etwas Neues erweisen, das in einer unerwarteten wissenschaftlichen Disziplin angesiedelt ist. Zum Beispiel könnten sich Ergebnisse von Experimenten, die Telepathie nahe legen, vielleicht schlussendlich dadurch am besten erklären lassen, indem wir einige Annahmen in der mathematischen Statistik modifizieren. Oder einige Berichte über UFOs mögen vielleicht am besten erklärbar sein mittels Konzepten aus der Neurophysiologie, nicht aus der Astronomie oder Meteorologie.

Andererseits ist die Anomalistik auch insofern interdisziplinär, als sie um ein disziplinübergreifendes Verständnis des wissenschaftlichen Bewertungsprozesses bemüht ist. Dafür sind meist nicht nur Natur- und Sozialwissenschaften relevant, sondern auch die Wissenschaftsforschung, d.h. die empirische Untersuchung des institutionellen Unternehmens "Wissenschaft" selbst. Anomalisten untersuchen Muster, warum neue wissenschaftliche Ideen akzeptiert oder abgewiesen werden, basierend auf Studien zur Wissenschaftsgeschichte, -soziologie und -psychologie.

Andere Ansätze zum Umgang mit Anomalien

Was ist Anomalistik nicht? Man dürfte sie die am besten verstehen, indem man die Anomalistik mit einigen alternativen Ansätzen vergleicht, wie man mit Anomalien umgehen kann. Darunter fallen drei große organisierte Gruppen auf: (a) die Behaupter von Anomalien, (b) Menschen, die von Mysterien aller Art fasziniert sind, sowie (c) die Spötter.

Unter den Behauptern von Anomalien finden sich sowohl okkult und mystisch orientierte Personen als auch solche, die wissenschaftliche Anerkennung suchen und deren Status man "protowissenschaftlich" nennen kann (Truzzi 1972). Für Anomalisten sind hauptsächlich die Thesen der Protowissenschaftler interessant, weil sie zur wissenschaftlichen Gemeinschaft gehören wollen und die Spielregeln akzeptieren, die wissenschaftliche Methoden auszeichnen. Die vermutlich fortgeschrittenste Protowissenschaft ist die Parapsychologie. Im Unterschied etwa zur Kryptozoologie oder zur Ufologie hat es die "Parapsychological Association" z.B. erreicht, als Mitglied der "American Association for the Advancement of Science" aufgenommen zu werden, die bedeutendste wissenschaftliche Gesellschaft in den USA als Dachverband von Wissenschaftlern aus verschiedenen etablierten Disziplinen. Vertreter von Protowissenschaften beschäftigen sich mit spezifischen Klassen von Anomalien und wenden ihre Aufmerksamkeit für gewöhnlich nur einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin zu (z.B. orientieren sich Parapsychologen auf die Psychologie hin). Anomalisten hingegen mögen an den selben speziellen Anomalien Interesse haben, betten dies aber in einen breiteren Kontext ein und erkennen, dass die untersuchte Anomalie letztlich möglicherweise im Rahmen einer ganz anderen wissenschaftlichen Disziplin erklärt werden könnte. (Beispielsweise könnte es sich herausstellen, dass Daten der Parapsychologie viel besser durch Konzepte der Quantenphysik verstehbar sind als durch Konzepte der Psychologie.) Anomalisten bemühen sich um einen integrativen Überblick zu allen Protowissenschaften und ihren Beziehungen zu etablierten wissenschaftlichen Disziplinen.

Einige Behaupter von Anomalien können eher als Menschen charakterisiert werden, die sich von Mysterien aller Art "magisch" angezogen fühlen und von ihnen fasziniert sind ("Mysterien-Faszinierte"). Viele an Anomalien interessierte Personen fallen in diese Kategorie, z.B. Mitglieder forteanischer Gruppen (also Anhänger von Charles Fort, der systematisch – wie er es nannte – "damned facts" zusammenstellte, die der etablierte Wissenschaftsbetrieb dogmatisch ignoriert). Diese Personengruppe liebt es, auf scheinbar unerklärliche Phänomene aufmerksam zu machen, die die Grenzen der Wissenschaft aufzeigen. Ihre Schriften vermitteln oft den Eindruck, dass es sie enttäuschen und nicht etwa erfreuen würde, wenn eine – selbst radikal neue – wissenschaftliche Erklärung gefunden werden würde. Im Extremfall ist ihre Einstellung stark anti-wissenschaftlich. Durch das Aufzeigen von Mysterien und ungelösten Rätseln wollen sie die Wissenschaft in Verlegenheit bringen, nicht zu ihrem Fortschritt beitragen. Anders als Anomalisten, die Anomalien als einen Weckruf ansehen, der uns auf die Notwendigkeit aufmerksam macht, bessere und umfassendere wissenschaftliche Theorien zu entwickeln, suchen "Mysterien-Faszinierte" nach dem Außergewöhnlichen um seiner selbst Willen. Sie wollen nur durch eine absonderliche Show der Natur unterhalten sein, die sich dem Eingang zum zentralen "Zirkuszelt" der Wissenschaften fernhält.

Im diametralen Gegensatz zu den "Mysterien-Faszinierten", die unerklärliche Dinge lieben, stehen die Spötter, die das Mysteriöse zu verabscheuen scheinen. Obwohl sich viele Personen in dieser Kategorie, die behauptete Anomalien negiert und lächerlich macht, selbst "Skeptiker" nennen, handelt es sich in Wirklichkeit oft um "Pseudo-Skeptiker", weil sie behauptete Anomalien leugnen anstatt sie zweifelnd zu hinterfragen (Truzzi 1987b). Während sie behaupteten Anomalien mit großer Skepsis begegnen, scheinen sie weniger geneigt zu sein, die gleiche kritische Haltung auch gegenüber konventionell-orthodoxen Theorien an den Tag zu legen. Zum Beispiel mögen sie Methoden der Alternativmedizin attackieren (etwa wegen fehlender Doppelblind-Studien), während sie ignorieren, dass die gleiche Kritik auch gegen viele Praktiken der konventionellen Medizin gerichtet werden könnte (z.B. beschweren sich diese Spötter nur selten über fehlende Doppelblind-Tests bezüglich des Erfolgs von chirurgischen Eingriffen.)

Viele Behauptungen über Anomalien sind unhaltbar und verdienen es, angemessen widerlegt zu werden. Anomalisten können sich deshalb um fundierte Widerlegungen bemühen. Diejenigen aber, die ich "Spötter" genannt habe, urteilen oft ohne umfassende Untersuchung. Sie scheinen stärker an der Diskreditierung einer behaupteten Anomalie interessiert zu sein als an einer leidenschaftslosen Untersuchung (Hyman 1980). Da "Spötter" immer wieder behauptete Anomalien ohne irgendwelche soliden Gegenbelege diskreditieren (z.B. durch Lächerlichmachung oder persönliche Angriffe), stellen solche Aktivitäten in Wirklichkeit nur Pseudo-Widerlegungen dar.

Ein Merkmal vieler "Spötter" ist ihre (ab)wertende Bezeichnung von Vertretern möglicher Anomalien als z.B. "Apologeten", "Promotoren", "Spinner" u.a.m.; manchmal werden sogar Vertreter von Anomalien mit stark proto-wissenschaftlichem Status als "Pseudowissenschaftler" oder als Betreiber von angeblich "pathologischer Wissenschaft" abqualifiziert.

In ihrer extremen Form repräsentieren "Spötter" eine Erscheinungsform des quasi-religiösen Szientismus ("blinde Wissenschaftsgläubigkeit"), der Minderheitenmeinungen oder abweichende Standpunkte in der Wissenschaft wie eine Ketzerei behandelt (Truzzi 1996).

Funktionen der Anomalistik

Die Anomalistik erfüllt vier Funktionen:

(1) Sie versucht bei der Bewertung einer großen Vielzahl behaupteter Anomalien hilfreich zu sein, auf die von Wissenschaftlern oder Protowissenschaftlern hingewiesen wurde. Sie bemüht sich dabei, eine historische und soziologische Perspektive einzuführen und auf nichtrationale Faktoren und Verzerrungen aufmerksam zu machen, die sich sowohl bei Vertretern von Anomalien als auch bei deren Kritikern finden. Sie beobachtet und kontrolliert die Verletzungen wissenschaftlicher Standards aller Parteien, die in den um die Existenz behaupteter Anomalien geführten Kontroversen auftreten. Anomalisten sind sich bewusst, dass die meisten behaupteten Anomalien vermutlich nur Irrtümer sind. Sie betonen die Unterscheidung zwischen nur behaupteten und belegten Anomalien. Es wird auch anerkannt, dass Belege immer eine Sache des Grades sind und qualitative Unterschiede zwischen Belegen zu beachten sind, ähnlich wie in einer Gerichtsverhandlung. Man bemüht sich, das Gewicht der insgesamt angeführten Belege zu beurteilen, ohne dabei schwache Belege (wie z.B. anekdotische oder subjektive Erfahrungsberichte) als völlig unbrauchbar zu verwerfen, wie dies viele Wissenschaftler all zu oft tun.

(2) Die Anomalistik bemüht sich um ein besseres Verständnis des Prozesses der wissenschaftlichen Urteilsfindung und versucht, diesen Prozess sowohl gerechter als auch rationaler zu gestalten. Eine belegte Anomalie ist nur ein Faktum, das eine Theorie sucht, um erklärt werden zu können. Eine Anomalie ist auch nur "außergewöhnlich" in Bezug auf das, was wir als "gewöhnlich" ansehen. Die Anomalistik betont deshalb, dass eine bestimmte Existenzoder Korrelationsaussage nur im Kontext einer bestimmten wissenschaftlichen Theorie eine behauptete Anomalie darstellt.

Eine Anomalie, für die wir eine Theorie angeben können, die mit diesem Faktum zurecht kommen oder es integrieren sollte, dies aber nicht tut, nennen wir eine verortete Anomalie ("nested anomaly", Westrum & Truzzi 1978). Verortete Anomalien scheinen bestimmten akzeptierten theoretischen Erwartungen zu widersprechen und können deshalb von jenen Theorien bestritten werden. Zum Beispiel wäre ein belegter Fall von "Hellsehen" eine verortete Anomalie, weil dies den gegenwärtig akzeptierten Theorien in der Wahrnehmungspsychologie widerspricht. Es ist wichtig zu realisieren, dass eine verortete Anomalie im Kontext einer bestimmten theoretischen Richtung in der Wissenschaft als weniger "außergewöhnlich" angesehen werden kann als im Rahmen einer anderen theoretischen Richtung. Zum Beispiel mag "Hellsehen" – verstanden als eine nicht-lokale Informationsübertragung – für Wissenschaftler, die im Bereich der Quantenphysik arbeiten, eher akzeptabel und deshalb weniger "anomal" sein.

Es gibt auch nicht-verortete Anomalien, also solche, die konkret keiner akzeptierten wissenschaftlichen Theorie widersprechen, sondern nur bizarr und unerwartet scheinen. Zum Beispiel mag die Entdeckung eines Einhorns (hier nur verstanden als ein Pferd mit einem Horn) sehr unwahrscheinlich sein, aber ein solches Tier würde nicht akzeptierten Grundsätzen der Zoologie widersprechen (wie dies z.B. bei einem Zentaur der Fall wäre). Da nicht-verortete Anomalien nur psychologisch – d.h. gemessen an unseren Erwartungshaltungen – als seltsam und verrückt erscheinen, wird ihr Grad der wissenschaftlichen Anomaliehaltigkeit, ihrer Außergewöhnlichkeit, sowohl von den "Mysterien-Faszinierten" als auch von den Spöttern, die jene Anomalien bestreiten, überschätzt.

(3) Die Anomalistik versucht einen rationalen konzeptionellen Rahmen für die Kategorisierung und Bewertung von behaupteten Anomalien zu entwickeln. Sie untersucht die verschiedenen Zugangsweisen zu "außergewöhnlichen" Behauptungen und differenziert solche, die in einer wissenschaftlichen, nicht-wissenschaftlichen sowie anti-wissenschaftlichen Perspektive gründen (Truzzi 1972, Truzzi 1996). Große Aufmerksamkeit gilt der Entwicklung einer Typologie von Anomalien sowie dem Explizieren vieler Konzepte, die routinemäßig in der Diskussion um Anomalien verwendet werden. So unterscheidet die Anomalistik zum Beispiel die Glaubwürdigkeit des Berichterstatters, die Plausibilität des Berichteten sowie die "Wahrscheinlichkeit" / Außergewöhnlichkeit des Ereignisses (Truzzi 1978a). Sie klärt und unterscheidet Begriffe, die gewöhnlich durcheinander gebracht werden, wie z.B. das "Übernatürliche", das "Natürliche", das "Unnatürliche", das "Abnormale" und das "Paranormale" (Truzzi 1977, Truzzi 1978b).

Schließlich unterscheidet die Anomalistik zwischen kryptowissenschaftlichen und parawissenschaftlichen Anomalien (Truzzi 1987a). Kryptowissenschaftliche Behauptungen beziehen sich auf außergewöhnliche Dinge oder Objekte (z.B. ein Yeti oder ein UFO), wogegen parawissenschaftliche Behauptungen sich auf außergewöhnliche Prozesse oder Beziehungen zwischen ansonsten ganz gewöhnlichen Dingen beziehen (z.B. Behauptungen zu "Gedankenübertragung" oder einer Beziehung zwischen der Stellung der Planeten und menschlichen Charaktereigenschaften).

Solche Kategorienbildungen haben bedeutende Implikationen für unser Verständnis der Bewertung von behaupteten Anomalien. Zum Beispiel ist eine kryptowissenschaftliche Behauptung zumindest theoretisch leicht zu belegen (weil man z.B. nur eine einzige riesenhafte Seeschlange fangen und vorweisen muss, um deren Existenz zu belegen), jedoch kann es sehr schwer sein, sie zu falsifizieren (weil das fragliche Objekt oder Wesen sich der Registrierung entziehen oder sich sonstwo in der Welt aufhalten mag). Dagegen sind parawissenschaftliche Behauptungen zumindest theoretisch einfach zu falsifizieren (z.B. mag ein behaupteter Zusammenhang in einem Experiment nicht auftreten), aber es kann sehr schwer sein, sie zu verifizieren (weil Alternativerklärungen ausgeschlossen werden müssen und für gewöhnlich Replikationen gefordert werden).

(4) Die Anomalistik bemüht sich, die Rolle eines amicus curiae der wissenschaftlichen Gemeinschaft bei deren Bewertungsprozess einzunehmen. Weil die Anomalistik selbst nicht von der Existenz oder Nicht-Existenz bestimmter behaupteter Anomalien betroffen ist, also daran kein Eigeninteresse hat, ist es für sie möglich, sich ganz auf die wissenschaftliche Forschung und die Suche nach empirischen Wahrheiten zu konzentrieren, nicht auf das Auftreten als Vertreter oder Advokat einer bestimmten Position. Während andere Gruppen, die sich mit Anomalien beschäftigen, gut daran tun, als möglichst gute Anwälte für oder gegen bestimmte Behauptungen aufzutreten, versuchen sie manchmal auch gleichzeitig die Rolle des Richters und der Geschworenen einzunehmen. Das ist unangemessen. Anomalisten sind bescheidener und versuchen etwas abseits der Dispute zu bleiben, um den Urteilsfindungsprozess selbst zu untersuchen. Ihre Position ist vergleichbar mit der Rolle eines Gutachters im Rechtssystem. In diesem Bild erstellen Anomalisten unabhängige Gutachten, um dem "Gericht" (in diesem Fall die wissenschaftliche Gemeinschaft insgesamt) zu helfen, bessere Urteile fällen zu können. Zum Beispiel mögen Anomalisten erhellen, wie starke und welche Art von Belegen notwendig sein sollten, um welche Art von Anomalien zu belegen. Oder ob die von der Wissenschaft zu fordernden Belege lediglich gut sein sollten oder ob sie über jeden vernünftigen Zweifel erhaben sein müssen (wie es all zu oft gefordert wird, auch um den Preis der Immunisierung der eigenen Position). So hilft die Anomalistik, sich zu vergegenwärtigen, wann Belege für oder gegen eine Anomalie lediglich suggestiv scheinen, eine Herausforderung darstellen oder überzeugend sind.

Prof. Dr. Marcello Truzzi (1935-2003) war Direktor des Instituts für Soziologie an der Eastern Michigan University in den USA.

Literatur

  • Hyman, R. (1980): Pathological Science: Towards a Proper Diagnosis and Remedy. In: Zetetic Scholar, No. 6, 31.
  • Truzzi, M. (1972): Definitions and Dimensions of the Occult: Towards a Sociological Perspective. In: Journal of Popular Culture 5, 635.
  • Truzzi, M. (1977): Parameters of the Paranormal. In: The Zetetic 1 (2), 4.
  • Truzzi, M. (1978a): On the Extraordinary: An Attempt at Clarification. In: Zetetic Scholar, No. 1, 11.
  • Truzzi, M. (1978b): A Word on Terminology. In: Zetetic Scholar, No. 2, 64.
  • Truzzi, M. (1979a): Editorial. In: Zetetic Scholar, No. 3/4, 2.
  • Truzzi, M. (1979b): On the Reception of Unconventional Scientific Claims. In: Mauskopf, S.M. (Ed.): The Reception of Unconventional Science (AAAS Selected Symposium 25). Westview Press, Boulder.
  • Truzzi, M. (1981): Editorial. In: Zetetic Scholar, No. 8, 3.
  • Truzzi, M. (1987a): Zetetic Ruminations on Skepticism and Anomalies in Science. In: Zetetic Scholar, No. 12/13, 7.
  • Truzzi, M. (1987b): On Pseudo-Skepticism. In: Zetetic Scholar, No. 12/13, 3
  • Truzzi, M. (1996): Pseudoscience. In: Stein, G. (Ed.): Encyclopedia of the Paranormal. Prometheus Books, Buffalo, 560.
  • Wescott, R. (1973): Anomalistics: The Outline of an Emerging Area of Investigation. Paper prepared for Interface Learning Systems.
  • Wescott, R. (1980): Introducing Anomalistics: A New Field of Interdisciplinary Study. In: Kronos 5, 36.
  • Westrum, R., Truzzi, M. (1978): Anomalies: A Bibliographic Introduction with Some Cautionary Remarks. In: Zetetic Scholar, No. 2, 6